Über Marcus Bingenheimer-Zimmermann
Marcus arbeitet im gesamten Transformationszyklus, von der Strategieentwicklung bis zur Umsetzung von Veränderungsprogrammen mit Schwerpunkt auf dem Personalwesen. Er ist ein erfahrener Senior HR Director mit einem starken (internationalen) Hintergrund in groß angelegten Personalwesen-Operationen und verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen strategisches Personalwesen und Projektüberwachung.
Über die Episode
In dieser besonderen, live aufgenommenen Folge des CULTiTALK diskutieren Georg Wolfgang und Marcus Bingenheimer-Zimmermann zentrale Fragen rund um die Schnittstellen zwischen der Welt des Profifußballs und moderner Unternehmenskultur. Die Aufnahme fand live bei der New Work Evolution statt und bringt zwei scheinbar unterschiedliche Welten sehr lebendig zusammen.
Schon zu Beginn macht Georg Wolfgang klar, dass diese Folge eine besondere ist – live, mit Publikum und „very special“. Marcus Bingenheimer-Zimmermann stellt sich vor: Er ist erfahrener HR Director, hat unter anderem in großen Fußballvereinen gearbeitet und bringt somit einzigartige Einblicke aus dem Profisport mit. Fußball und Unternehmenswelt – was können diese Bereiche eigentlich voneinander lernen? Dieser Frage gehen die beiden im Gespräch auf den Grund.
Fußball als Spiegelbild der Unternehmenskultur
Zentrales Thema der Folge ist die wechselseitige Verbindung zwischen Profifußball und der Gestaltung von Unternehmenskultur. Schon früh verrät Georg, dass er mit Marcus ein gemeinsames Buch über genau diese Thematik plant. Doch was macht die Verbindung zwischen Fußball und Business so spannend?
Marcus Bingenheimer-Zimmermann bringt es auf den Punkt: „Alle lernen von allen“. Im Fußball herrschen spezielle Dynamiken und Gesetze – Vereine müssen direkt reagieren, sind am Erfolg von Spiel zu Spiel gemessen und stehen unter permanentem Druck. Das hat Parallelen zum Business, beispielsweise in Bezug auf Umbruchsituationen oder Innovationsdruck, unterscheidet sich aber auch deutlich, etwa durch die starke emotionale Aufladung und Öffentlichkeit im Sport.
Aberglaube, Routinen und informelle Regeln
Ein besonders spannender Einstieg in die Parallelen ist das Thema Aberglaube. Im Fußball allgegenwärtig, reicht er von bestimmten Ritualen einzelner Spieler – wie dem zuerst angezogenen linken Schuh – bis zu teamübergreifenden Routinen. Marcus setzt Aberglaube mit Routine und damit mit Stressbewältigung gleich. Gerade im Angesicht hoher Erwartungen und lauter Zuschauermengen gibt es kleinen Routinen Halt und Sicherheit.
Georg überträgt die Idee auf Unternehmen: Auch dort gibt es (wenn auch weniger offen sichtbare) Routinen und informelle Regeln, die bei der Orientierung und beim Stressabbau helfen. Oft werden diese jedoch nicht reflektiert und entwickeln ein Eigenleben, das moderne und zukunftsfähige Verhaltensweisen ausbremst. Reflexionsfähigkeit ist daher ein zentrales Element, um als Unternehmen wirklich zukunftsfähig zu bleiben.
Was passiert im „Abstiegskampf“?
Ein weiterer Fokus liegt auf Krisensituationen, sowohl im Unternehmen als auch im Verein. Im Fußball werden, wie Marcus schildert, Philosophie und langfristige Strategien in Krisenmomenten häufig über Bord geworfen. Dann dominiert Firefighting – nach schnellen Erfolgen wird gesucht, manchmal werden Trainer und Führungskräfte ausgetauscht, alte Bekannte zurückgeholt und kurzfristige Maßnahmen ergriffen. Die sorgfältig aufgebaute Kultur spielt dann häufig keine Rolle mehr.
Georg schlägt dazu die Brücke in die Businesswelt: Auch Unternehmen, besonders in Krisen, tendieren zum Rückfall in klassische, kontrollierende Führungsstile. Agile, innovative, mutige Ansätze rücken zugunsten von Kontrolle, Mikromanagement und Machtdistanz in den Hintergrund. Der Krisenmodus lässt uns selbst, aber auch unsere Teams, auf altbekannte Muster zurückgreifen. Entscheidend ist, wie Unternehmen lernen, in Krisensituationen trotzdem zukunftsfähig und kreativ zu bleiben und ihre Kultur nicht zu verlieren.
Daten, Analyse & Performance
Nicht nur im Fußball, auch im Unternehmenskontext spielt Datenorientierung eine immer größere Rolle. Im Fußball gehört die detaillierte Analyse von Gegnern, Teamleistung und einzelnen Spielern längst zum Alltag, erläutert Marcus Bingenheimer-Zimmermann. Da wird jeden Tag der Zustand der Spieler gemessen, Belastung individuell gesteuert und auf Basis von detaillierten Daten Coaching und Training angepasst.
Im Unternehmensalltag, finden die beiden, wird dieses Potenzial bei weitem noch nicht genügend genutzt – insbesondere im Mittelstand. Während im Fußball beispielsweise vor dem Wechsel eines Trainers penibel geprüft wird, welche Person mit welchem Kompetenzprofil wirklich ins System passt, werden im Wirtschaftsleben Nachfolgen oder Besetzungen oft nach Namen oder Bauchgefühl entschieden. Auch das systematische Arbeiten mit Personaldaten steckt vielerorts noch in den Kinderschuhen.
Rollenklarheit und Gerechtigkeit im Team
Eine weitere spannende Parallele: Im Fußball ist klar, wer welche Rolle hat – Trainer, Kapitän, Stammspieler, Ersatzbank. Jeder kennt seine Position und weiß, worauf es ankommt. Diese Klarheit gibt es so im Unternehmen selten. Dort ist nicht immer klar, wer gerade den „Kapitän“ gibt, und informelle Machtstrukturen bleiben oft intransparent und werden nicht offen angesprochen – was wiederum das Fairnessgefühl torpediert.
Die Konsequenz: Gerechtigkeit wird häufig mit Gleichbehandlung gleichgesetzt, statt die unterschiedlichen Rollen, Kompetenzen und Beiträge zu würdigen. Im Fußball-Team ist dagegen klar: Ein Starspieler bringt besondere Leistungen und bekommt auch besondere Freiräume. In Unternehmen fehlt diese Kommunikation oft, was zu Unzufriedenheit und Missgunst führen kann.
Leistungskultur – missverstandenes Konzept
Auch bei der Leistungskultur können Unternehmen vom Profifußball lernen, meint Georg. Im Sport wird Leistung ganzheitlich betrachtet – mit Ruhe- und Regenerationsphasen, gesteuerter Belastung und der Erkenntnis, dass nicht jeder immer gleich viel geben kann. Im Business dominiert dagegen ein simples „mach mehr!“, ohne auf die tatsächliche individuelle Leistungsfähigkeit einzugehen.
Teams müssten als dynamisches System verstanden werden, in dem es verschiedene Phasen, Rollen und Lebensabschnitte der Mitarbeitenden gibt. Wer gerade eine herausfordernde private Phase hat, bringt vielleicht weniger Leistung als sonst – und das ist okay. Wer im Unternehmen immer Höchstleistung einfordert, läuft Gefahr, das Team zu überfordern und langfristig mehr zu verlieren als zu gewinnen.
Erfolge feiern – Pokale für Unternehmen?
Ein weiteres zentrales Thema: Die Symbolik von Erfolgen. Im Fußball gibt es handfeste Pokale, die alle emotionalisieren und nachhaltige Loyalität stiften. Auch diejenigen, die in zweiter oder dritter Reihe arbeiten, können sich mit den Erfolgen identifizieren. Im Unternehmen fehlen diese „Pokale“ – Umsatzsteigerungen oder Prozessoptimierungen werden selten gleich intensiv gefeiert, vielleicht beim alljährlichen Sommerfest, ohne die Leistung wirklich zu würdigen.
Marcus Bingenheimer-Zimmermann plädiert dafür, auch im Unternehmen regelmäßig Meilensteine zu feiern. Wer gemeinsame Ziele (auch Etappenziele!) gemeinsam bejubelt, stärkt Identifikation, Stolz und Teamzusammenhalt. Auch Misserfolge müssten mehr bearbeitet werden – im Sinne einer offenen Fehlerkultur, die aus Rückschlägen lernt und reflektiert weitergeht, ähnlich wie ein Team nach einem verlorenen, aber analysierten Spiel.
Der Trainer als Führungskraft – was Führung vom Coaching lernen kann
Eine häufig bemühte Metapher: Führungskraft als Coach. Im Fußball ist aber klar: Der Trainer kann das Spiel beobachten, Impulse geben und umstellen, aber nicht selbst ins Spielgeschehen eingreifen. Im Unternehmen agieren Führungskräfte häufig anders und übernehmen selbst Aufgaben, statt zu coachen und Entwicklung zu fördern. Empowerment, Verantwortungsübergabe und die Förderung von Eigenverantwortung sind hier wichtige Prinzipien, die Unternehmen noch konsequenter umsetzen sollten – auch um Teammitglieder zu „Spielentscheidern“ zu machen.
Fazit: Profifußball und Unternehmenskultur wachsen zusammen
Am Ende ist klar: Die Folge liefert viele Impulse, wie Unternehmen von Profisport lernen können. Egal, ob es um Rollenklarheit, transparente Kommunikation, datengestützte Steuerung, Reflexion, Feiern von Erfolgen oder die Haltung in der Führung geht – viele Prinzipien lassen sich übertragen, wenn auch nicht alles 1:1 passt. Es braucht die Offenheit, bewusst zu reflektieren: Warum machen wir Dinge, wie wir sie tun? Wo können wir von Strukturen, Routinen und Erfolgsrezepten des Profifußballs profitieren?
Georg Wolfgang und Marcus Bingenheimer-Zimmermann nehmen sich am Ende vor, all diese Erkenntnisse in einem gemeinsamen Buch festzuhalten, das Führungskräften und Teams viele praktische Anknüpfungspunkte liefert.
INFO an dieser Stelle: Das Buch ist bereits erschienen unter dem Titel: Leadership League / Wie Unternehmen mit Erfolgsstrategien aus dem Profifußball in Führung gehen
Eine inspirierende Folge für alle, die Unternehmenskultur mit Sport- und Teamgeist weiterdenken wollen!
Die wichtigsten Learnings aus der Folge:
- Routinen, Rituale und Aberglaube geben Sicherheit, sollten aber regelmäßig reflektiert werden.
- In Krisen gehen Organisationen oft in den „Abstiegskampfmodus“ und verlieren ihre Vision – dagegen hilft eine starke, reflektierte Unternehmenskultur.
- Datenorientierung und Performance Management sind im Fußball Standard, im Unternehmen noch längst nicht.
- Rollenklarheit und Transparenz im Team führen zu mehr Fairness und Identifikation.
- Leistungskultur bedeutet mehr als nur „mehr machen“ – regenerative Phasen und individuelle Anerkennung zählen.
- Erfolge sollten gefeiert werden, gemeinsam und sichtbar, auch im Unternehmen.
- Führung sollte sich mehr als Coaching und Entwicklung verstehen – und lernen, Verantwortung im Team zu belassen.
- Reflexion und Offenheit sind der Schlüssel für anpassungsfähige und innovative Unternehmenskultur.
Diese CULTiTALK-Episode ist ein Muss für alle, die sich für moderne Unternehmenskultur interessieren und Lust haben, den Ball auch einmal ins eigene Feld zu spielen – ganz gleich, ob Du Fußballfan bist oder nicht!
Alle Links zu Marcus Bingenheimer-Zimmermann:
LinkedIn: https://www.linkedin.com/in/marcus-bingenheimer-zimmermann-4610b018b/
Unternehmen: https://exxeta.com